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Montag, 14. April 2008

Ente, Tod und Tulpe (Wolf Erlbruch), ab 5 Jahren

Cover Ente, Tod und Tulpe Lang gestreckt gezechnete Ente reckt Schnabel in die Luft Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl. »Wer bist du – und was schleichst du hinter mir her?« »Schön, dass du mich endlich bemerkst«, sagte der Tod. »Ich bin der Tod.« Die Ente erschrak. Das konnte man ihr nicht übel nehmen. »Und jetzt kommst du mich holen?« »Ich bin schon in deiner Nähe, so lange du lebst – nur für den Fall.« »Für den Fall?« fragte die Ente. »Na, falls dir etwas zustößt. Ein schlimmer Schnupfen, ein Unfall, man weiß nie.«


Die Ente hat einen laaaaaaangen Hals – der Tod, ein freundlicher Schädel, trägt einen hochgeschlossenen beige-karierten Mantel, der fast ein wenig an einen Schlafrock erinnert, und ein Paar dunkle Pantoffeln und Handschuhe. Außerdem hat er stets eine schwarze Tulpe dabei.


Als sich die beiden kennenlernen, ist es für die Ente zunächst ein Schock – doch nach und nach gewöhnt sie sich an den kauzigen Kerl und seine Gesellschaft. Damit er sich nach dem Baden im Tümpel nicht erkältet, wärmt sie ihn sogar mit ihren breiten Flügeln.
In tiefgründigen und doch humorvollen Dialogen kommen sich die beiden näher – und immer wieder stellt die Ente Betrachtungen und Mutmaßungen an über das Sterben und alles was damit zusammenhängt. Doch wirklich eindeutige Antworten auf ihre Fragen hat der Tod nur selten.


Eines Tages dann ist es so weit: Die Ente ist gestorben und der Tod schickt sie ganz behutsam auf ihre letzte Reise – nicht ohne ihr die Rose zur Begleitung mitzugeben ...
Fast ist er selbst ein wenig betrübt. Aber nur fast. Denn so ist das Leben ...


Selten wurde das Thema Tod auf so poetische Weise und mit so minimalistischen Mitteln aufbereitet wie in diesem brillanten Bilder-Buch, das auch Erwachsene nachhaltig beeindruckt.
Zeichnungen und Text ergänzen sich perfekt – kein Wunder, stammen sie doch beide vom vielfach preisgekrönten Autor-Illustrator-Universitätsprofessor.


Dass man den Tod nicht fürchten muss, das nimmt dem Wuppertaler jeder sofort ab. Und dass er manchmal schon lange Zeit vor dem tatsächlichen Ende ein Stück Weg gemeinsam mit dem geht, um den er sich dann als allerletzter kümmert, bevor der lange, unendliche Fluss den toten Körper davonträgt.
Dieser Tod „holt“ keinen – er ist im richtigen Moment zur Stelle, dann, wenn die Zeit gekommen ist.
Ihn muss man nicht fürchten, auch wenn er gern mal ein paar lästerliche Reden führt. Stattdessen glättet er am Schluss mit sanfter Hand das gesträubte Gefieder und auch als Leser fühlt man: So wie es ist, ist es gut.

Ein wunderbares Buch – traurig und trostreich zugleich.


[mic]

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe, Kunstmann gebunden
München 2007, ISBN 978-3888974618, 32 Seiten, € 14,90, ab fünf Jahren

14. April 2008 um 03:38 Uhr
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Dienstag, 01. April 2008

Orangen für Opa (Natali Fortier, Francoise Legendre, ab 4 Jahren)

Jeden Morgen wird Petra von ihrem Opa auf besondere Weise geweckt. Schon in der Frühe hat er eine besonders schöne Orange für Petra ausgesucht. Er schält sie, zerteilt sie in Stücke und setzt sich zu ihr ans Bett. Und erst nachdem sie diesen “Bissen von der Sonne” genommen hat, steht sie auf.
Der Großvater begleitet sie ein Stück zur Schule und erwartet sie am Nachmittag auf dem kleinen Platz, im Schatten eines Olivenbaums. Jeden Tag. Doch eines Tages sitzt er nicht wie gewohnt auf der Bank. Er ist sehr krank. Und jetzt ist es Petra, die ihm ein Stück von den zuckersüßen und duftenden Orangen gibt.

Die Geschichte mit den prachtvollen Illustrationen von Francoise Legendre spielt in Andalusien. Dort, wo auf flachen Hausdächern lustig Wäsche flattert und gebückte, alte Männer mit Stock gemächlich durch gepflasterte Strassen schlendern. An einem Ort, an dem Orangen, die wie Honig schmecken und nach Sonne duften, auf nahe gelegenen Feldern wachsen.
So viel Zärtlichkeit und Geborgenheit steckt schon in den ersten Seiten des Buches, auf denen der Großvater mit seinen runzligen Händen dem kleinen Mädchen die köstliche Frucht reicht, dass sich auch der Leser nichts Schöneres vorstellen kann, als eine solch kostbare Erfahrung machen zu dürfen. Unendlich viel Atmosphäre vermitteln die Zeichnungen, die streckenweise ganz für sich sprechen dürfen und dann ganz ohne Text auskommen. Und poetisch und anrührend ist es, wie erst der Großvater sich um seine Enkelin kümmert, sich die Situation dann aber, als er krank und schwach wird, umkehrt und sie ihn füttert. Sogar in seinen letzten Stunden, als er sonst nichts mehr zu sich nehmen kann, verbindet die Sonnenfrucht die beiden. Denn mit einem Lächeln lässt er sich mit einem Bissen von der Orange füttern und sagt: „Ein kleines Stück von der Sonne! Bald steht sie oben am Himmel!“
Dann stirbt der alte Mann.
Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende: Denn Petra behält den Großvater nicht nur in ihrem Herzen, sondern bewahrt sich auch die Gewohnheit, die sie von ihm übernahm, nämlich morgens als erstes eine Orange zu essen. Und dabei sieht sie vor ihrem geistigen Auge jedes Mal eine Gestalt mit schwarzem Hut, die auf sie wartet.

Was in dieser Familie Großvaters Orangen, sind in unseren Breitengraden vielleicht Omas Bratäpfel oder Mutters Reibekuchen. Eine Frucht, ein Gericht, das viel mehr ist, als ein Lebensmittel: einzigartige Erinnerungen an eine Speisen geknüpft, die Zeit, Raum und auch den Tod überdauern.
Wohl dem, der so etwas hat.
[mic]


Natali Fortier, Francoise Legendre: Orangen für Opa, Aus dem Französischen von Rosemarie Griebel-Kruip, Sauerländer gebunden, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3794151325,
32 Seiten, € 13,90, ab vier Jahren

01. April 2008 um 11:27 Uhr
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Montag, 24. März 2008

Der salzige Kuss (Gerda van Erkel, ab 14 Jahren)

BildNienke leidet an einer aggressiven Form von Mukoviszidose, an der sie sterben wird. Trotzdem versucht sie, für den Moment zu leben, alles aus dem Leben herauszuholen. Kobe, 15, ist extrem übergewichtig und muss 50 Kilo abnehmen. Beide lernen sich in einem Sanatorium kennen - und lieben. Die Dritte im Bunde ist Steffi, ebenso wie Kobe stark übergewichtig und Zimmergenossin von Nienke ...


Kobe: Ein dicker Junge, der mit seiner Mutter, die strikt gegen seine Beziehung mit einer Todgeweihten ist, nicht reden kann, sondern lieber isst.
Nienke: Eine spindeldürre Siebzehnjährige mit Mukoviszidose, deren liebevolle Architekten-Eltern alles in ihrer Macht stehende tun, um die Tochter bei ihrem größten Wunsch zu unterstützen: Ihren 20. Geburtstag noch zu erleben.
Und Steffi: Mutter und Bruder fett wie sie, die Schwester Bulimikerin, der Vater hat offene Beine – und alle leben von der Stütze. Wenn es ganz schlimm kommt, hört sie Heavy Metal.

Der Ort, an dem sich diese Teenager Treffen ist eine Heim-Klinik am Meer mit Einheitskleidung für alle Zöglinge und der Bezeichnung „Mama“ und „Papa“ für alle Therapeuten, Erzieher, Ernährungsberater, Psychologen und Krankengymnasten.

Das Muko-Mädchen muss aufgrund der zahllosen Tabletten, die es bekommt, für zwei essen (Müsli, Toast und Pfefferkuchen um acht, zwei Schinkenbrote und Sojadessert um zehn ...), die Adipösen müssen hungern.
Nienke ist beliebt, die anderen müssen sich ihren Platz in der zusammengewürfelten internationalen Gruppe erkämpfen – vor allem Steffi, die keinerlei Rückhalt hat.
Auch Kobe tut sich schwer: Den neuen Freund der Mutter mag er nicht wirklich, sein eigener Vater lebt nach dem Lustprinzip in den Tag hinein, kauft Beim besuch des Sohnes gedankenlos Pommes und Berliner und zeigt sich enttäuscht, wenn der Junge nicht mithält.

Doch sie alle wollen nicht aufgeben – Nienke hat sich an die fünfstündige Prozedur gewöhnt, mit der sie täglich über einen Schlauch ihre Lunge reinigen muss, hat ihrer Krankheit einen Namen gegeben, nennt sie „Cisse“, wie eine böse Schlange.
Kobe hat die Liebe zu seiner Freundin stark gemacht.
Und auch Steffi hat angefangen, sich nicht mehr für ihre Familie verantwortlich zu fühlen, sondern sich um sich selbst zu kümmern und sich auf eine Beziehung einzulassen.

„Nienke kann ihren Kampf nicht gewinnen, so sehr sie es auch möchte. Aber wer kann, hat keine Wahl, er muss.“ wird zum Leitspruch für die anderen.

Es gibt kein Happy End – und doch ist es eine unglaublich anrührende und auch Mut machende Liebesgeschichte, die die Antwerpenerin Gerda van Erkel hier vorlegt. Das Sanatorium, in dem die Story spielt, gibt es wirklich. Die Schriftstellerin und Psychotherapeutin hat dort geraume Zeit verbracht – was sich in der Authentizität niederschlägt, mit der die drei Ich-Erzähler ihren Tagesablauf beschreiben.
In der Schule – in der Übergewichtige, Magersüchtige und Mukoviszidose-Kranke gemeinsam unterrichtet und therapiert werden – geht es zu, wie in jedem Internat. Es bilden sich Cliquen, man spielt sich Streiche, einige haben Heimweh, andere verstoßen gegen die Regeln.
Man spürt, auch als Leser, die Achterbahn der Gefühle – die Scham, wenn andere Leute die Gruppe beim Spaziergang im Dorf anstarren, den Selbsthass, wenn die Waage wieder zwei Kilo mehr zeigt, die Aggressivität, wenn die strengen Regeln der Schule mit der emotionalen Verfassung eines ganz normalen Pubertisten kollidieren.

Aber über allem steht die zarte Liebe zwischen Nienke und Kobe, die allen Widrigkeiten zum Trotz wächst und gedeiht. So kostbar ist sie und so bedeutsam – und jedem ist klar, dass längst nicht alle Menschen, und lebten sie auch noch so lange, einen solchen Schatz ihr eigen nennen können.

Wie die Protagonisten im Angesicht des Todes miteinander umgehen – wie sie die Zähne zusammenbeißen und eine Stärke vorspiegeln, die sie längst nicht mehr besitzen und wie sie sich am Ende der Schwäche ergeben, das ist nicht nur zu Herzen gehend, sondern auch ungemein lehrreich.
Und regt mit Sicherheit zum Nachdenken an – über den eigenen Tod und/oder die Vergänglichkeit der anderen.

Ein wichtiges Buch, nicht nur für Jugendliche.
[mip]

Gerda van Erkel: Der salzige Kuss (Mijn zoute zoen)
Deutsch von Mirjam Pressler, Rowohlt Taschenbuch,
Hamburg, 2008, ISBN 978-3-499-21426-4, € 8,95.
ab 14 Jahre

24. März 2008 um 03:34 Uhr
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Sonntag, 23. März 2008

Als sie ging (Michael Baron, Edith Beleites, für Erwachsene)

Cover Als sie ging von Michael Baron

Seit ihrer Schulzeit sind Gerry und Maureen ein Paar und auch nach 20 Jahren immer noch ineinander verliebt. Dass ihre 17-jährige Tochter Tanya in letzter Zeit ihre eigenen Wege geht, kann ihr Glück nicht trüben. Als Maureen ein zweites Kind bekommt, genießt Gerry seine späte Vaterschaft. Doch dann stirbt Maureen zwei Monate nach der Geburt des kleinen Reese, und für Gerry bricht eine Welt zusammen. Wie soll er ohne seine geliebte Frau weiterleben? Nur die Sorge um die Kinder hält ihn aufrecht und lässt ihn nicht völlig am Leben verzweifeln. Besonders sein kleiner Sohn wird für ihn zur Herausforderung, aber auch zum Partner in einer Welt, die ganz plötzlich nicht mehr dieselbe ist.


„Sie“ ist die Tochter, die plötzlich weg ist. Rebellischer Teenager, auf und davon mit einem Typen der den Eltern (aus gutem Grund, wie es scheint) nicht genehm ist. Und unerreichbar – wie vom Erdboden verschwunden.
Als wäre das nicht genug, folgt ein noch schlimmerer, noch endgültigerer Abschied, denn ... ... „Sie“ ist auch die Ehefrau, die völlig unerwartet verstirbt – kaum zwei Monate nach der Geburt des kleinen Nachzüglers.
Wie der Vater und Witwer mit dieser Situation zurande kommt, wie er die Vergangenheit in Mails, Briefen und Gedanken lebendig werden lässt und – für sich – die Dialoge mit den Kindern aufrecht erhält (dem, mit dem er nicht sprechen kann und dem, das noch nicht mit ihm sprechen kann) das ist bewegend und anrührend und teilweise grenzenlos traurig, außerdem stellenweise witzig, nachdenklich und romantisch zugleich – einfühlsam … und mehr als lesenswert.
[mip]


Michael Baron: Als sie ging (When she went away)
Deutsch von Edith Beleites, Droemer-Knaur TB 2008 / Eichborn 2006,
ISBN 978-3426636763, 400 Seiten, € 8,95, für Erwachsene

23. März 2008 um 11:14 Uhr
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Wie ist das mit der Trauer? (Roland Kachler, Sandra Reckers, ab 8 Jahren)

Cover Wie ist das mit der Trauer?

Wenn jemand stirbt, den du sehr lieb hast, bist du traurig. Am liebsten würdest du weinen oder dich verkriechen, vielleicht bist du auch wütend.
Den Kindern in den Geschichten geht es ganz ähnlich: Tim kann nicht glauben, dass sein Opa nie mehr mit ihm Fußball spielen wird, Luisa fühlt sich auf der Beerdigung ihrer Tante ganz seltsam, Benni weiß nicht, wie er es ohne seinen Vater aushalten soll, und Maxi fragt sich, ob sie ihren Bruder jemals wiedersehen wird.



“Der Tod ist der endgültigste Abschied überhaupt.” - Das ist der behutsame und doch sehr eindeutige Einstieg in ein schmerzliches und sehr persönliches Thema.
Alles beginnt damit, dass Lena nach dem Opa fragt, den sie nie kennen gelernt hat, weil er schon starb, als die Mutter noch ein Kind war. Indem die Großmutter berichtet, wie sie diese Zeit erlebt hat und wie es ihr heute damit geht, vermittelt sie der Enkelin einige grundlegende Tatsachen im Zusammenhang mit dem Tod.
In der zweiten Geschichte, in der es um Tims Großvater geht, der nach einem Sturz auf den Kopf stirbt, ist die kindliche Hauptperson schon direkter involviert: Von der Hiobsbotschaft am Telefon über die Verabschiedung im Krankenhaus (wo es merkwürdig riecht und der Arzt schwierige Worte gebraucht) bis hin zu den Formalitäten nach dem Tod – alles kriegt der Junge hautnah mit.
Die weiteren drei Geschichten (Luisa verliert ihre noch eher junge Tante, Bennis Vater erleidet einen tödlichen Herzinfarkt und Maxis Bruder Marc wird bei einem Verkehrsunfall getötet) beschäftigen sich jeweils mit unterschiedlichen Aspekten einer Trauersituation: Was fühlen Trauernde unmittelbar nach dem Tod ihres Angehörigen (ist es z.B. normal, vom Verstorbenen zu träumen oder ihn gar vor sich zu sehen? Ja, es ist nichts Ungewöhnliches!), wie läuft eine Beerdigung ab, wie geht es Menschen, die einen solchen Verlust erlitten haben, Monate später?
Aufgelockert durch Infoblöcke (Wie trauert man? Welche Bestattungsarten gibt es? Was geschieht mit dem Körper, der Seele?) und nicht zu vergessen, die klaren, farbigen Bilder von Sandra Reckers, geht das Buch des 1955 geborenen Theologen, Pfarrers und Psychologen Kachler immer wieder in kindgerechten, aber nie verniedlichenden Worten auf die verschiedenen Stadien der Trauer (von Verdrängung bis hin zu Wut und Schuldgefühlen) und den Umgang damit ein.
Durch seine Arbeit als Leiter der psychologischen Beratungsstelle des Kirchenbezirks Esslingen ist Kachler das „Kinder und Trauer“ sehr vertraut – wohl darum gelingt es ihm so gut, sich in die Gedankenwelt, Fragen und Sprache der Kinder und Jugendlichen hineinzufinden.
Ein ausgesprochen empfehlenswertes Buch, sowohl für den Unterricht als auch für Betroffene, die speziell im Kapitel „Für Eltern“ konkrete Anregungen finden, wie sie den Kindern helfen können, die Trauer zu bewältigen.
[mip]


Roland Kachler, Sandra Reckers (Illustrationen): Wie ist das mit der Trauer?
Gabriel 2007, ISBN 978-3522301169,  144 Seiten, € 11,90, ab acht Jahren

23. März 2008 um 10:49 Uhr
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