Kontroverses
Selbstmord, Sterbehilfe und andere Tabuthemen
Andrea Marghescu (*1965) ist gelernte Krankenschwester, ausgebildete Palliativfachkraft und arbeitet für den Christophorus Hospizverein im Landkreis Ebersberg. Wir sprachen mit der zweifachen Mutter über die besondere Herausforderung im Umgang mit den Kindern sterbender Angehöriger.
Frau Marghescu, gibt es Besonderheiten zu beachten, wenn der Sterbende, den man betreut, Vater oder Mutter eines noch jungen Kindes oder Teenagers ist?
Das ist in der Tat etwas, wobei man idealerweise noch eine zusätzliche Ausbildung haben sollte.
Wie geht man auf betroffene Kinder, deren Angehörige oder enge Freunde sterben, am besten zu?
Es gibt auch hier kein Patentrezept, das muss ganz nach Gefühl geschehen. Ich versuche nicht, etwas aus den Kindern herauszupressen, sondern bemühe mich, das, was von ihnen kommt, aufzugreifen.
Dabei habe ich gemerkt, dass der Umgang mit der Situation von Kind zu Kind ganz unterschiedlich ist.
Alle, die ich bisher erlebt habe, wollen ihr normales Leben so weit als möglich behalten – Freunde treffen, Sport treiben.
Und es kommt auch vor, dass ein Kind den Sterbenden nicht mehr besuchen möchte – gerade Jugendliche tun sich da manchmal sehr schwer. Das heißt nun nicht, dass das Kind nicht trauert, sondern dass es das auf seine ganz eigene Weise bewältigt.
Ich muss die Kinder dann so lassen, wie sie sind. Darum mache ich auch keinen direkten Vorstoß und stelle keine direkten Fragen wie: „Wie kommst du damit zurecht? Oder: Wie geht es dir?“ Das tue ich erst dann, wenn sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Oder ich warte, bis die Kinder von sich aus davon anfangen.
Sterben aus Ihrer Erfahrung heraus Leute, die Kinder haben, lieber zu Hause oder anderswo?
Das ist verschieden, ganz verschieden. Manche sind der Meinung, die Kinder sollten das nicht mit ansehen und andere möchten einfach zu Hause sein.
Diese Menschen mobilisieren auch unglaubliche Kräfte, um so lange wie möglich für die Kinder da zu sein.
Angenommen, jemand geht in ein Hospiz und es ist ganz klar, er wird nicht mehr nach Hause zurückkehren. Wie sollte man sich dann den Kindern gegenüber verhalten? Sagen, was los ist? Eine Ausrede erfinden?
Ich glaube, ganz wichtig ist es, nichts zu verheimlichen. Man kann ja nur dann mit etwas fertig werden, wenn man auch weiß, worum es geht. Viele Kinder spüren sowieso, was los ist. Bei der Bewältigung muss man aber dann jedem sein eigenes Tempo lassen.
Sollte man noch mehr Menschen einbinden?
Ja, ich denke schon. Ich würde unbedingt, wenn möglich, Hilfe annehmen – von Freunden, Verwandten, Hospizhelfern.
Außerdem macht es Sinn, andere ins Boot zu holen, die engen Kontakt zu den Kindern haben – wie etwa die Lehrer, Erzieher im Kindergarten oder Hortbetreuer. Gemeinsam kann man dann möglichen Schwierigkeiten – zum Beispiel in der Schule - begegnen.
Was kann man noch tun?
Die Kinder nicht alleine, aber doch in Ruhe lassen. Ihnen nichts aufzwingen. Sie nicht ausfragen. Sie in dem, was sie zeigen, unterstützen. Kinder haben ja da eine ganz eigene Sprache – manche zeichnen, was sie nicht sagen können. Viel in die Natur gehen, Kontakt mit Tieren ermöglichen ...
Nochmal zurück zu dem vorher geschilderten Fall, dem Kind, das sein sterbendes Elternteil nicht besuchen wollte. Kann, soll, darf man als Hospizhelfer in so einer Situation Einfluss nehmen, das Kind motivieren, doch noch hinzugehen, weil man glaubt, das Kind werde später unendlich bereuen, nicht aktiv Abschied genommen zu haben?
Wenn man mit dem Kind eine Vertrauensbasis aufgebaut hat, dann könnte man das Thema möglicherweise schon ganz vorsichtig ansprechen. Was man aber in absolut und jedem Fall vermeiden sollte, ist das Vermitteln von Schuldgefühlen. Kinder fühlen sich so schnell schuldig – da darf man ihnen nicht zusätzlich auch noch etwas einimpfen, wenn sie sich einfach der Situation nicht stellen können. Man bewegt sich hier auf sehr dünnem Eis. Ich habe selbst Kinder ... – und ich bin der Meinung, wenn sie einfach nicht hingehen können, dann ist das nicht schlimm. Als Mutter wäre in einer solch schweren Situation mein Herz wahrscheinlich so groß, dass ich denke, „es ist okay“.
Also sollte man als Erwachsener den Kindern nicht die Entscheidung abnehmen, sondern ihnen diese selbst überlassen?
Das kann man so nicht sagen. Ich schätze, wenn man dann tatsächlich in der Situation ist, tut man intuitiv das Richtige. Übrigens kam es in dem Fall, von dem ich sprach, am Schluss doch noch zu einem Wiedersehen vor dem Tod.
Wie kann man die Familie unterstützen, wenn Mutter oder Vater dann tatsächlich gestorben sind?
Die Trauer ist ein ganz eigener Zustand, sie folgt keinen Regeln. Im Vorfeld lässt sich nicht vorhersehen, wie man später reagieren wird. Darum sollte man sich auch keine Vorwürfe machen, wenn man „Abmachungen“ mit dem Sterbenden vielleicht doch nicht aufs I-Tüpfelchen einhalten kann. Und die Zeit spielt eine ganz wichtige Rolle. Man braucht unendlich viel davon – und viel, viel Geduld.
[mic]
Kinder und Tod - das ist für viele Erwachsene heute ein Tabu-Thema. Das Kind soll von allem Unbill fern gehalten werden, glücklich und unbeschwert sein. Andere quält die Angst vor dem “Warum?”. Was sollen sie antworten, wenn das Kind nachfragt, wo sie sich doch selbst keinen Rat wissen.
Trauern lernen
Verluste sind Kindern nicht fremd. Wie oft haben sie schon geweint: Wenn jemand fort ging oder ein Spielzeug verloren war, wenn ein schöner Tag zuende ging. Dass Mutter, Vater oder Oma jemals zurückkehren könnten, ist ihnen in junge Jahren nicht klar gewesen - für die Zeit hatten sie noch keinen Begriff, und dass Menschen, die gehen, auch wiederkommen, haben sie erst erlernen müssen. Auch dass Menschen oder Tiere, die fort gehen, nicht mehr zurückkehren, können sie lernen. Und sollten dies auch schon früh tun. Wie immer im Umgang mit Kindern gilt, dass Erwachsene die Ängste von Kindern spiegeln. Wenn der Erwachsene ehrlich ist, offen (und kindgerecht) mit ihm darüber spricht, wird das Kind sich aufgehoben fühlen. Seine Fragen sind willkommen. Und auch wenn Mutter oder Vater, Oma oder Onkel zugeben, auf manche Fragen keine Antwort zu wissen, so sind sie doch bereit, ihre Gefühle mit dem Kind zu teilen - und das ist ihm Bestätigung und Anerkennung, Sicherheit und Schutz zugleich.
Wischen Sie die Trauer Ihres Kindes nicht beiseite. Trauer ist ein durch und durch menschliches Gefühl. Dass man trauern darf, dass man gemeinsam weinen kann, ängstlich sein und wütend (oder auch mitten auf der Beerdigung lachen, weil einem etwas Lustiges eingefallen ist, das der Verstorbene gesagt oder getan hat und das jetzt unbedingt erzählt werden will) - all das sind Erfahrungen, die Ihr Kind in seinem Leben ohnedies machen wird. Gerade in einer Zeit, in der es spürt, dass die Menschen um es herum traurig sind, will es teilhaben, will es verstehen. Helfen Sie ihm dabei. Stehen Sie ihm zur Seite, wenn es verstehen lernt, dass manche Verluste endgültig sind. Und zeigen Sie ihm einen Weg, mit diesem Schmerz zu leben, sich zu erinnern und seine Schuldgefühle abzubauen.
Eines Tages wird es über den Verlust, der ihn jetzt so schmerzt, nicht mehr weinen - und auch das ist okay so und ein Teil der Trauer - dass Spuren verwischen und ein neuer Tag beginnt. Trauer ist keine Pflicht. Es ist ein Gefühl, so individuell wie jeder Mensch selbst es ist. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass sein Weg, mit der Trauer zu leben, anerkannt und akzeptiert wird. Passen Sie sich dabei auch der Geschwindigkeit Ihres Kindes an. Beantworten Sie ihm nur Fragen, die es auch wirklich gestellt hat - und drängen Sie es nicht. Wenn Sie sehen, dass es traurig ist, fragen Sie, was es bedrückt - an wen es denkt, was es vor seinem inneren Auge sieht. Und nehmen Sie dann seine Bilder und Gedanken zum Anlass, mit ihm zu sprechen. Andernfalls laufen Sie schnell Gefahr, Ihr Kind zu überfordern oder ihm Gefühle zuzuschreiben, die es nicht hat aber auch nicht kennt - und daher aus Ihren Beschreibungen als die seinigen annimmt. Schauen Sie sich gemeinsam mit ihm Bücher zum Thema an - oder ermuntern Sie es, das, was es beschäftigt, in Bildern auszudrücken, die Sie dann wiederum als Gesprächsanlass nehmen können, wenn Ihr Kind dies wünscht. Wenn jede seiner Fragen, jedes seiner Gefühle willkomen ist, ist es gut.
Auch ein kleiner Tod kann ein großer sein
Für Erwachsene ist der Tod eines Tieres - etwa eines Hamsters oder Kanarienvogels - oft weniger schlimm. Für Kinder aber ist der Verlust eines geliebten Haustieres oft die erste Konfrontation mit dem Tod. Vielleicht empfindet das Kind diesen Verlust auch als viel schlimmer als den eines Verwandten, der zeitgleich verstarb, den es zwar kannte, der ihm aber nicht nahe stand. Ermöglichen Sie Ihrem Kind, auch über den Verlust solcher Dinge zu trauern, die Ihnen selbst als weniger bedeutsam erscheinen. Dann wird es auch später besser in der Lage sein, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen.
Lassen Sie Ihr Kind teilhaben
Kinder sind in höchstem Maße intuitiv. Viele Monate ihres Lebens haben sie ihr Umfeld nicht mit Sprache verstanden, sondern es sich rein durch aufmerksame Beobachtung erschlossen. Auch wenn Sie traurig sind, spüren Kinder dies. Sie suchen nach einer Erklärung für Ihr Verhalten - und geben sich, wenn sie keine Erklärung finden und erhalten - oft selbst die Schuld an Ihrem Kummer. Geben Sie Ihrem Kind eine ehrliche Antwort, wenn es fragt, warum Sie traurig sind. Nur dann kann es verstehen - und lernen.
Umschreiben Sie bei Ihrer Erklärung nichts. “Opa ist von uns gegangen” oder “Tanja ist eingeschlafen” kann Ihr Kind nicht verstehen. Was ist so schlimm daran, wenn jemand einschläft oder fort geht - schließlich geschieht das jeden Tag - und er wird schon wieder aufwachen oder zurückkommen.
Auch wenn Sie selbst an ein Leben nach dem Tod glauben, ist es wichtig, dass Ihr Kind versteht, dass der Tote nicht mehr zurückkommen wird und er ihn, sie oder es nicht mehr wiedersehen kann.
Abschied nehmen
Geben Sie Ihrem Kind, die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Vielleicht möchte es den Toten noch einmal sehen oder an der Beerdigung teilhaben - und sei es auch nur für wenige Minuten. Kein Kind (Säuglinge ausgenommen) ist dafür zu jung.
Müssen auch Kinder sterben?
Früher oder später wird Ihr Kind Sie fragen, ob es auch selbst sterben muss. Ob auch Kinder sterben, und ob Sie auch sterben müssen. Seien Sie auch hier ehrlich. Auch Kinder sterben - aber nur, wenn sie ganz schwer erkrankt sind oder einen schlimmen Unfall hatten. Die meisten Kinder aber werden groß und leben bis ins hohe Alter. Sie selbst werden vermutlich vor Ihrem Kind sterben - aber auch das hat noch viele, viele Jahre Zeit. Mit ziemlicher Sicherheit werden Sie auch dann noch da sein, wenn Ihr Kind selbst Kinder hat und diese wiederum Kinder haben.
Geben Sie Ihrem Kind Sicherheit
Vergessen Sie auch in Ihrer Trauer nicht, dass Ihr Kind auf Sie angewiesen ist. Auch wenn Sie vor Verzweiflung weder ein noch aus wissen: Für Ihr Kind ist es essentiell, dass es das Gefühl hat, dass Sie selbst gut genug auf sich Acht geben, um für Ihr Kind lange am Leben zu bleiben. Sie können Ihrem Kind sagen, dass Sie traurig sind. Sie sollten sich Ihrer Tränen nicht schämen. Aber es ist für Ihr Kind lebensbedrohlich und zutiefst beängstigend, wenn es das Gefühl hat, dass Sie selbst in Augenblicken tiefster Verzweiflung am liebsten nicht mehr leben möchten. Dass Sie diese Gefühle der Hilflosigkeit bewältigen werden, kann Ihr Kind nicht wissen. Geben Sie ihm die Sicherheit, dass Sie bei ihm bleiben wollen und werden - so lange wie es irgend geht - und dass es für Sie immer das Wichtigste im Leben sein wird.
me, Foto: Roland Koster, pixelio
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