
Gestern hat die Sonne ganz warm geschienen und ich hab am Fenster meine blauen Blumen aufgehängt. Die aus der Bretagne. Und zu Mama habe ich gesagt: “So ähnlich muss das sein, wo du hingehst, Mama: wie die Blumen dort oder auch wie die Sonne.” Ich gab Mama die Hand und wir haben zusammen auf die Blumen geschaut und auf die Sonne.
Bei den ungemein anrührenden Worten, Gedanken und Begebenheiten, die die Autorin ihrer Ich-Erzählerin Flora in die Tagebuch-Feder legt, mag man kaum an reine Kopfgeburten glauben und fragt sich still und leise, ob die Autorin wohl beim Schreiben des Buches ebenso geweint hat wie man selbst es beim Lesen tut. Denn “Wiedersehen, Mama” begleitet die dreizehnjährige Flora, ihren siebenjährigen Bruder Philipp, Papa und Mama vom Moment, an dem bei der Achtunddreißigjährigen Brustkrebs diagnostiziert wird bis zu ihrem Tod.
Floras Tagebuch-Eintragungen vom 15. Juli bis zum 25. Mai des Folgejahres spiegeln die Gefühle aller Beteiligten direkt und ohne langatmige Erklärungen: Verwirrung, Orientierungslosigkeit, Wut, immer wieder Hoffnung, abgelöst von Verzweiflung und tiefer Traurigkeit. Warum gerade meine Mama? Ganz oft stellen sich die Geschwister diese Frage - und erhalten doch keine Antwort.
Doch Elisabeth Zöller lässt nicht zu, dass Philipp und Flora in Schmerz und Trauer versinken. Eine zarte Liebesgeschichte - mit all den damit verbundenen Irrungen und Wirrungen - lrgt sich unter die Kerngeschichte und macht immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, das Schwere gemeinsam zu tragen. Langsam, Schritt für Schritt, schenkt Elisabeth Zöller ihren Figuren und damit auch den Lesern ein klein wenig Freude, Kraft und Hoffnung. Auch wenn Flora immer wieder an der Situation zu ersticken glaubt - es ist nicht alles zu Ende; manches beginnt auch neu, wenn man bereit dazu ist.
Und wo auf der einenen Seite Flora in der Schule nicht mehr mitkommt und Philipp wie ein Wahnsinniger Gummibärchen in sich hinein schaufelt und es keinem der beiden gelingen will, mit Dritten über das Sterben der Mutter zu sprechen, geht Floras Mutter auf der anderen Seite walken, als sie sich besser fühlt - und führt sie ihr Weg samt ihrer Familie in eine Selbsthilfegruppe für stterbende Krebs-Patienten. Entscheidend aber sind die Gespräche zwischen Eltern und Kindern, das bewusste Genießen der gemeinsamen Momente, das Aufschreiben von Geschichten rund um die Mutter und das Bewältigen der Angst, kurz: die aktive Auseinandersetzung mit Sterben und nahendem Tod. Dabei meidet Elisabeth Zöller jeden Hauch von Betroffenheit oder bewusstem Druck auf die Tränendrüse. Weinen tut man dennoch, aber das ist - das weiß eines Tages auch Flora - auch in Ordnung so: “Man ist viel trauriger, wenn man nicht weint, weil ohne Weinen die Traurigkeit wie ein schwarzes Loch ist, in das man plumpst. Und dann sinkt man ab. Aber wenn man weint, bildet sich ein kleiner See, in dem man schwimmen, sich vielleicht sogar freischwimmen kann.”
Elisabeth Zöller schreckt vor schwierigen Themen nicht zurück; sie schrieb bereits Kinder- und Jugendbücher rund um Gewalt im Klassenzimmer oder behinderte Kinder im Dritten Reich. “Auf Wiedersehen, Mama” ist keine leichte Kost, aber es trifft die Gefühle und Gedanken während eines Verlustes auf den Punkt, und auch die immer wieder eingestreuten Gedichte stimmen nachdenklich. Floras und Philipps Abschied ist schmerzvoll - aber er ist ein Abschied, mit dem sie werden leben können, weil er bewusst geschah. Mit einem Herzen voller Kummer aber auch voller Glück und Erinnerung an eine Frau, die ihnen immer nah sein wird und der sie “Auf Wiedersehen” sagen und ihr dabei in die Augen sehen konnten. Es gibt nicht viel Trost im Kummer, aber dies ist einer von ihnen.
Michaela Pelz
Elisabeth Zöller: Auf Wiedersehen, Mama
Fischer Schatzinsel TB, ISBN 3-596-80509-0
für Kinder ab 12, 125 Seiten, 5,90 Euro
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