Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl. »Wer bist du – und was schleichst du hinter mir her?« »Schön, dass du mich endlich bemerkst«, sagte der Tod. »Ich bin der Tod.« Die Ente erschrak. Das konnte man ihr nicht übel nehmen. »Und jetzt kommst du mich holen?« »Ich bin schon in deiner Nähe, so lange du lebst – nur für den Fall.« »Für den Fall?« fragte die Ente. »Na, falls dir etwas zustößt. Ein schlimmer Schnupfen, ein Unfall, man weiß nie.«
Die Ente hat einen laaaaaaangen Hals – der Tod, ein freundlicher Schädel, trägt einen hochgeschlossenen beige-karierten Mantel, der fast ein wenig an einen Schlafrock erinnert, und ein Paar dunkle Pantoffeln und Handschuhe. Außerdem hat er stets eine schwarze Tulpe dabei.
Als sich die beiden kennenlernen, ist es für die Ente zunächst ein Schock – doch nach und nach gewöhnt sie sich an den kauzigen Kerl und seine Gesellschaft. Damit er sich nach dem Baden im Tümpel nicht erkältet, wärmt sie ihn sogar mit ihren breiten Flügeln.
In tiefgründigen und doch humorvollen Dialogen kommen sich die beiden näher – und immer wieder stellt die Ente Betrachtungen und Mutmaßungen an über das Sterben und alles was damit zusammenhängt. Doch wirklich eindeutige Antworten auf ihre Fragen hat der Tod nur selten.
Eines Tages dann ist es so weit: Die Ente ist gestorben und der Tod schickt sie ganz behutsam auf ihre letzte Reise – nicht ohne ihr die Rose zur Begleitung mitzugeben ...
Fast ist er selbst ein wenig betrübt. Aber nur fast. Denn so ist das Leben ...
Selten wurde das Thema Tod auf so poetische Weise und mit so minimalistischen Mitteln aufbereitet wie in diesem brillanten Bilder-Buch, das auch Erwachsene nachhaltig beeindruckt.
Zeichnungen und Text ergänzen sich perfekt – kein Wunder, stammen sie doch beide vom vielfach preisgekrönten Autor-Illustrator-Universitätsprofessor.
Dass man den Tod nicht fürchten muss, das nimmt dem Wuppertaler jeder sofort ab. Und dass er manchmal schon lange Zeit vor dem tatsächlichen Ende ein Stück Weg gemeinsam mit dem geht, um den er sich dann als allerletzter kümmert, bevor der lange, unendliche Fluss den toten Körper davonträgt.
Dieser Tod „holt“ keinen – er ist im richtigen Moment zur Stelle, dann, wenn die Zeit gekommen ist.
Ihn muss man nicht fürchten, auch wenn er gern mal ein paar lästerliche Reden führt. Stattdessen glättet er am Schluss mit sanfter Hand das gesträubte Gefieder und auch als Leser fühlt man: So wie es ist, ist es gut.
Ein wunderbares Buch – traurig und trostreich zugleich.
[mic]
Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe, Kunstmann gebunden
München 2007, ISBN 978-3888974618, 32 Seiten, € 14,90, ab fünf Jahren
Nächster Eintrag: Bevor ich sterbe (Jenny Downham, Astrid Arz), ab 16 Jahren
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