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Trauernden helfen

Zwei_Menschen_am_Strand_bei_Ebbe Trauernde und Tröstende haben es nach einem Verlust gleichermaßen nicht leicht. Einfach da zu sein, Gefühle und Gedanken des Trauernden aufzunehmen und auszuhalten, ohne sie verändern oder negieren zu wollen, das fällt ebenso schwer, wie Gefühle zu zeigen. Hat ein Trauernder einmal einen Ort gefunden, an dem er trauern darf, scheint oft ein Damm gebrochen. Immer wieder und wieder drehen sich die Gedanken und Gefühle im Kreis, und der Tröstende braucht Langmut und viel, viel Kraft, um nicht eines Tages aus der Haut zu fahren oder sich überfordert zurück zu ziehen.

Schmerz und Verunsicherung, Verlassenheit, Ohnmacht und Angst, Anklage, Wut und Schuld – all das sind Gefühle, die wir von Kindesbeinen an zu unterdrücken gelernt haben. Ein Trauernder muss erst wieder lernen, diese Gefühle zuzulassen – und die Menschen, die ihn begleiten, müssen lernen, diese Gefühle nicht abzuurteilen, als „lächerlich“ oder „überzogen“ hinzustellen oder im Stillen dergestalt zu empfinden. Ein Trauerprozess ist eine Krise; ein langer Entwicklungs- und Lernprozess. Nur der Trauernde selbst kann diesen Weg bis zum Ende gehen; kein Dritter kann ihm diesen Weg abnehmen. Aber Dritte können ihn auf diesem Weg begleiten und ihm dabei helfen. Wie Sie helfen können?

Seien Sie ein geduldiger Zuhörer. Sprechen Sie mit dem Trauernden – wieder und wieder. Auch dann noch, wenn Sie das Gehörte schon auswendig herunterbeten können. So helfen Sie dem Trauernden, anzuerkennen und zu vergegenwärtigen, das sein Verlust real ist. Diese Phase kann lange Zeit dauern. Bis ein erster Schritt zurück ins eben möglich ist, vergeht bei dem Tod eines nahe stehenden Menschen selten weniger als ein Jahr – und beim Tod eines Kindes, bei einem überraschenden Tod oder einem Selbstmord dauert der Prozess oft deutlich länger. Wenn Sie selbst diese Begleitung nicht leisten können (und das ist mit Sicherheit keine Schande): Helfen Sie dem Trauernden, Erfahrungsgruppen oder therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schenke Sie ihm Bücher zum Thema. Geben Sie ihm immer wieder die Möglichkeit, sich mit dem Thema so oft zu beschäftigen, wie es eben nötig ist. Helfen Sie ihm dabei, Freiräume zu schaffen, in denen er sich austauschen und Hilfe einholen kann. Und bedenken Sie, dass auch Ihre Hilfsbereitschaft und -fähigkeit Grenzen hat. Vielleicht trauern Sie selbst um den Verstorbenen und bräuchten selbst Beistand, kommen aber nicht dazu, über Ihre Gefühle zu sprechen. Vielleicht trauern Sie aber auch gar nicht, kennen das Gefühl des Verlustes nur aus der Theorie und können manche Gefühle und Gedanken Ihres Freundes vielleicht nachvollziehen aber doch nicht wirklich verstehen und ihm daher keinen Rat geben. Für manche Gespräche bedarf es Menschen in einer ähnlichen Situation. Helfen Sie dem Trauernden, solche Menschen zu finden, die Trauer durchlebt und – so weit dies möglich ist - überwunden haben.

Akzeptieren Sie auch negative Gefühle wie Zorn, Angst, Hilflosigkeit und Tränen oder Schuldgefühle. Sie können versuchen, diese argumentativ aufzufangen – nur leugnen und als überzogen beiseite wischen dürfen Sie sie nicht. Auch große Gefühlsschwankungen oder Momente, in denen der Trauernde sich selbst als am Rande des Wahnsinns stehend empfindet. Sind normal und gehören zur Trauerbewältigung dazu. Geben Sie ihm die Sicherheit, dass Sie ihn und sein Tempo akzeptieren und anerkennen.

Helfen Sie dem Trauernden dabei, sich bewusst zu machen, was es bedeutet, ohne den Verstorbenen zu leben. Versuchen Sie es zaghaft zunächst mit positiv besetzten Themen der Zukunft. Was geschieht mit dem gemeinsam gebuchten Urlaub? Wer kümmert sich jetzt um den morgendlichen Spaziergang mit dem gemeinsamen Hund? Wer holt die Tochter vom Kindergarten ab? Wie feiert man den nahenden Geburtstag? Auch hier gilt: Geben Sie ihm die Sicherheit, dass er sich Zeit lassen kann – und in der ersten Phase auch einmal sagen „Ich kann das jetzt nicht. Entscheide du für mich.“

Schärfen Sie seinen Blick für das, was er nicht verloren hat. Nicht selten isolieren sich Trauernde, verstummen – etwa beim Tod eines Kindes – Gespräche in der Beziehung bis hin zur Trennung der Partner. Machen Sie dem Trauernden bewusst, das Wege der Trauer unterschiedlich verlaufen. Der Partner trauert vielleicht anders als er selbst – aber deshalb ist sein Weg der Trauer nicht falsch oder verdammenswert und erst recht kein Verrat. Gerade beim Tod eines Kindes müssen beide Partner zu akzeptieren lernen, dass der Fels in der Brandung – der jeweils andere Partner – mit sich selbst beschäftigt ist und nicht in dem Maße Unterstützung bieten kann, wie er es sonst stets getan hat. Das ist kein Zeichen von Desinteresse. Manche Schritte auf dem Weg der Trauer kann jeder nur allein gehen – und damit die Partnerschaft den Verlust übersteht (und das sollte sie, denn sie ist etwas Wertvolles, auch wenn im Augenblick des Verlustes zunächst alles beliebig zu sein scheint)), müssen beide Partner bereit sein, dem jeweils anderen seinen eigenen Weg zu lassen.  Auch Kinder leiden unter der Trauer ihrer Eltern, wenn sie in diese nicht mit einbezogen werden. Genaueres zum Thema Kinder und Tod finden Sie hier.

Unterstützen Sie die emotionale Loslösung von dem Verstorbenen, etwa, indem Sie den Trauernden ermuntern, neue Beziehungen einzugehen (und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch konkret, etwa, indem Sie einneues Hobby oder eine ehrenamtliche Tätigkeit etc. anstoßen und deren erste Schritte begleiten). Durch Schritte in ein neues Leben wird weder die Erinnerung an und die Liebe zu dem Verstorbenen befleckt – und er wird auch nicht ersetzbar. Auch dieser Prozess kostet Zeit. Erst am Ende der Trauerarbeit ist das Herz wirklich frei – etwa für einen neuen Partner, den man um seiner selbst willen schätzen kann.

Kennen und respektieren Sie Ihre eigenen Grenzen als Trauerbegleiter. Verdrängung, Alkohol oder Rückzug in die Isolation können in Phasen normal und für den Trauernden ein wichtiger Schritt auf dem Weg sein. Dem Trauerbegleiter kommt die schwierige Aufgabe zu, zu erkennen, wann die Grenzen der Normalität überschritten werden oder es bereits sind. Es ist normal und keine Schande, wenn Sie sich in diesem Punkt überfordert fühlen. Holen Sie sich Hilfe – etwa bei Selbsthilfegruppen, falls Sie gläubig sind bei kirchlichen Einrichtungen Ihres jeweiligen Glaubens oder bei Therapeuten, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben. Ihre Krankenkasse kann Ihnen hier sicherlich bei der Suche zur Seite stehen und auch auf diesem Portal finden Sie viele Links zu Organisationen, die Ihnen helfen können. Wichtig ist, dass Sie das Einfordern von Hilfe weder als Scheitern Ihrer Bemühungen noch als mangelnde Dankbarkeit des Trauernden empfinden. Menschen haben Grenzen. Sie und der Trauernde sind Menschen. Und die von Ihnen geleistete Arbeit war weder umsonst noch wird sie von dem Trauernden nicht anerkannt. Es mag lediglich sein, dass er seine Anerkennung derzeit nicht zum Ausdruck bringen oder Ihr Tun nicht in dem Maße wertschätzen kann, wie er es bei „normalem Gefühlszustand“ tun könnte. Ganz wichtig ist: Auch Sie als Helfender brauchen Hilfe. Ohne ein soziales Netz, das Sie immer wieder aufrichtet und bei dem Sie wieder neue Kraft tanken können, suchen Sie früher oder später Halt oder Bestätigung bei dem Trauernden selbst – die dieser Ihnen in der Regel nicht geben kann. 

Trauer ist ein Ausdruck des Lebens. Wer trauert, lebt. Wenn Sie Trauernden Zeit zur Trauer lassen, tragen Sie zu einer Gesellschaft bei, die Trauer nicht als Zumutung oder gar Affront empfindet und ihr nicht hilflos oder beschämt gegenüber steht. Der Tod ist ein Teil des Lebens. Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Liebe ist alles, das wir ihm entgegenzusetzen haben. Mit diesen Eigenschaften können wir Berge versetzen. Den Tod besiegen können wir nicht – aber wir können einem Trauernden helfen, seinen Weg zurück ins Leben zu finden – und ihn mit offenen Armen in unserer Mitte willkommen heißen. In jeder Phase seines Lebens.
[me], Foto: oparolf, pixelio

19. März 2008 um 12:34 Uhr | Druckversion
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